Der Bevölkerung - Kunstprojekt im nördlichen Lichthof des Reichstagsgebäudes

DER BEVÖLKERUNG: Ein Faxinterview von Astrid Wege mit Hans Haacke (April 2000)

Redigierte Fassung veröffentlicht in
Texte zur Kunst, Nr. 38, 10. Jahrgang, Berlin/Köln, Juni 2000


Astrid Wege: Die Bundestagsdebatte am 5. April, in der über die Realisierung Ihres Projektvorschlags für das Berliner Reichstagsgebäude abgestimmt wurde, bildet den vorläufigen Abschluss einer teilweise äusserst polemisch geführten Auseinandersetzung. Während die Gegner in jedem Element Ihrer Arbeit, das die Abgeordneten einlädt, jeweils einen Zentner Erde aus ihren Wahlkreisen oder Bundesländern in den Holztrog im nördlichen Lichthof zu bringen, Anklänge an die Blut- und Bodenmythologie des Nationalsozialismus sahen und die Leuchtschrift "Der Bevölkerung" als Verunglimpfung des parlamentarischen Auftrags ablehnten, der doch "Dem Deutschen Volke" gewidmet sei, verteidigen die Befürworter nicht nur die Freiheit der Kunst im Allgemeinen, sondern erkannten in Ihrem Vorschlag einen Denkanstoss, wie Staatsbürgerschaft und das "Deutsche" gegenwärtig (neu) definiert werden könnten. Unser Gespräch findet nach der knappen Mehrheitsentscheidung für Ihr Projekt statt, und ich sehe darin eine Chance. Einzelne Aspekte zu vertiefen, die in der Diskussion zwar erwähnt und für oder wider Ihr Projekt eingesetzt wurden – ohne jedoch in der Struktur der bisherigen Polarisierungen gefangen zu bleiben. Doch zunächst möchte ich mit der Frage beginnen, wie Sie selbst – mit einigem Abstand – die Plenumsdebatte im Deutschen Bundestag beurteilen?

Hans Haacke: Nach drei Wochen fehlt mir wohl noch der nötige Abstand. Meine Antwort ist deshalb etwas unausgegoren. Ich habe die Debatte von der Tribüne aus verfolgt. Es war faszinierend. Dem Tagesordnungspunkt meines Projektes ging eine Kosovo Debatte voraus, in der unter anderen Joschka Fischer und der Verteidigungsminister sprachen. Das Plenum war spärlich besetzt. Viele der anwesenden Abgeordneten redeten miteinander oder lasen die Zeitung, und es wurde am Ende lustlos per Hammelsprung, also anonym, abgestimmt. Dann füllte sich der Saal. Möglicherweise spielte eine Rolle, dass die Abstimmung freigegeben war, das heisst, die Abgeordneten waren in ihrer Entscheidung über mein Projekt nicht an Parteidisziplin gebunden. Und es sollte namentlich abgestimmt werden. Jeder konnte und musste Farbe bekennen! Insgesamt gaben 549 Parlamentarier (von 669) ihre Stimme ab: 260 dafür, 258 dagegen, 31 enthielten sich der Stimme. Jede Partei, mit Ausnahme der PDS, schickte einen Fürsprecher und einen Gegner ans Rednerpult. Von der SPD nahmen ausser einer Gegnerin zwei Befürworter das Wort. Die PDS war nur durch einen Fürsprecher, den Abgeordneten Heinrich Fink, vertreten. Alle sprachen mit Leidenschaft. Es wurde gegrölt, gelacht, und es gab Buhrufe. Sicher haben die Fernsehkameras, die jede Regung aufzeichneten und per Phönix sogar simultan übertrugen, zur Dramatik der Veranstaltung beigesteuert. Wie zu erwarten, gab es kaum Argumente, die nicht bereits im Vorfeld ausgetauscht worden waren. Am spannendsten war für mich, zu beobachten, welchen Rednern von wem applaudiert wurde. Für Frau Süssmuth, die sich entschieden zugunsten meines Projektes aussprach, regte sich in ihrer eigenen Partei keine Hand. Dagegen erhielt sie regen Applaus aus allen anderen Parteien. Ähnlich ging es dem FDP-Abgeordneten Ulrich Heinrich, einem Landwirt, der als Mitglied des Kunstbeirats bereits für mein Projekt votiert hatte. Antje Vollmer, eine "Gegnerin der ersten Stunde," erhielt frenetischen Beifall von der CDU/CSU, weniger stürmischen von ihren Parteikolleginnen und Kollegen. Letzten Endes schloss sich ihr bei der Abstimmung nur eine Minderheit der Fraktion an. Die meisten Abgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen folgten den Argumenten ihrer Berliner Kollegin Eichstädt-Bohlig, einer Architektin, und votierten für das Projekt. Die CDU/CSU stimmte als geschlossener Block dagegen. Keiner enthielt sich der Stimme. Es war für die in diesen Monaten so gebeutelte Fraktion eine seltene Gelegenheit, Einigkeit zu zeigen und die Partei bei rechten Wählern in Erinnerung zu rufen. Nur zwei CDU/CSU Abgeordnete scherten aus der Reihe: die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und die CSU-Abgeordnete Renate Blank, eine Geschäftsfrau aus Nürnberg. Beide sind - wie Herr Heinrich - Mitglieder des Kunstbeirates und hatten wie er mein Projekt von Anfang an befürwortet. In der FDP wurde es ausser von ihm nur vom Parteivorsitzenden Wolfgang Gerhardt und der ehemaligen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger unterstützt. Wie Bündnis 90/Die Grünen war die SPD gespalten. Die überwiegende Mehrzahl der Genossen folgte dem Abgeordneten Gert Weisskirchen. Als energischer Verfechter des liberalisierten Staatsbürgerschaftrechts und der Offenheit gegenüber zeitgenössischer Kunst engagierte er sich leidenschaftlich für mein Projekt. Und die Genossen nahmen sich die warnende Schlussrede des Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse zu Herzen. Es gab in der SPD aber auch eine nicht unbedeutende Zahl von Stimmenthaltungen und ein paar Gegenstimmen. Vor der Auszählung hatte ich den Eindruck, mein Projekt würde nicht überleben. Einhellig wird angenommen, der CDU-Abgeordnete Volker Kauder habe es in letzter Minute gerettet. Seine Rede war derart ausfallend und deutschnational, dass Abgeordnete, die bis dahin geneigt waren, negativ zu stimmen oder sich der Stimme zu enthalten, von seiner schrillen Tonart so abgestossen waren, dass sie umgeschwenkt sind. Ein klassisches Eigentor. Im November war der Abgeordnete des Wahlkreises Rottweil – Tuttlingen bei der 9:1 Abstimmung im Kunstbeirat der Einzige gewesen, der aufgeregt gegen meinen Entwurf gestimmt hatte und dann – zusammen mit Antje Vollmer, die die Abstimmung verpasst hatte - nicht bereit war, das Abstimmungsergebnis demokratischen Gepflogenheiten entsprechend zu akzeptieren. Unmittelbar nach dem Kunstbeiratsvotum hatte Kauder in der FAZ eine wütende Kampagne gegen den Kunstbeirat und mein Projekt angezettelt und ihm damit die inzwischen bis zum Überdruss reichende Publizität verschafft. Treu flankierte ihn dabei die grüne Antje Vollmer. Die Aufregung kulminierte schliesslich in der für die Opposition letzten Endes desaströsen Bundestagsdebatte. Ähnlich soll seinerzeit im Bundestag eine Brandrede von Wolfgang Schäuble zur nicht erwarteten Annahme der Reichstagsverpackung von Christo und Jeanne-Claude gesorgt haben.

A.W.: Ein zentraler Begriff, auf den sich beide Lager wiederholt berufen haben, ist der der Freiheit: Freiheit zum einen als verfassungsrechtlich garantierte Freiheit der Kunst auf Seiten der Verteidiger, die in der nachträglich herbeigeführten Plenumssitzung einen Präzedenzfall sahen, der die vielbeschworene Freiheit der Kunst auf fatale Weise in Mehrheitsentscheidungen umdefinieren würde, zum anderen als die von einigen Gegnern Ihres Projekts beschworene Freiheit des einzelnen Abgeordneten, sich aus der vermeintlichen Bevormundung durch die künstlerische Arbeit und dem angeblichen Meinungsmonopol der Kunstexperten zu lösen – wobei zumindest nicht nur die Freiwilligkeit des partizipatorischen Moments Ihrer Arbeit ignoriert wurde, sondern auch die Tatsache, dass eine Ablehnung durch das Parlament über eine rein persönliche Abstimmung hinaus natürlich einen repräsentativen Ausschluss vornehmen würde: Eine Formulierung wie die Volker Kauders, der – nachdem ein von ihm vorgestelltes Gutachten über die vermeintliche "Verfassungswidrigkeit" Ihrer Arbeit nicht gegriffen hatte – bemerkte, Sie könnten die Arbeit ja "überall in Berlin aufstellen…nur nicht im Reichstag," täuscht darüber hinweg, dass es bei der Auswahl der Kunstprojekte im Reichstagsgebäude um nichts weniger geht als um ein repräsentatives Bild deutscher Geschichte und den Ausweis von Weltoffenheit und Fortschrittlichkeit. Eingeladen waren "international anerkannte Künstlerpersönlichkeiten aus den Ländern der ehemaligen Vier Alliierten," die sich "besonders mit deutscher Geschichte oder allgemein mit Erinnerungsarbeit auseinandergesetzt haben." So zumindest hiess es in einer Presseerklärung zu den Direktvergaben für den Reichstag 1998. Ohne hier im Einzelnen auf die Diskussionswürdigkeit einer solchen Repräsentationsfunktion von Kunst eingehen zu können, wird jede künstlerische Arbeit in diesem Kontext, ob beabsichtigt oder nicht, Teil dieser Zuschreibung, selbst wenn sie, wie die Ihre, so heftige Abwehrreaktionen hervorruft. Der ohnehin schon ambivalente Begriff künstlerischer Autonomie, den Sie in Ihren Arbeiten ja wiederholt in Frage gestellt haben, erfährt an einem Ort wie dem Reichstagsgebäude nochmals eine weitere Wendung. Ihr Projekt wird nach dieser Debatte auch als Aushängeschild parlamentarischer Toleranz fungieren – ein Mechanismus, der bereits in den zahlreichen Bezugnahmen auf Christo und Jeanne-Claude während der Debatte deutlich wurde, deren Projekt damals nur mit knapper Mehrheit verabschiedet wurde, nun aber als positiver Referenzpunkt vor allem von den Gegnern Ihre Projekts in Anspruch genommen wurde. Weiterhin interessiert mich in diesem Zusammenhang, inwieweit Sie ihr Projekt als Ergänzung oder Korrektiv zu den anderen Projekten im Reichstagsgebäude konzipiert haben – Sie haben Ihren Vorschlag ja erst relativ spät nach der Einladung durch den Kunstbeirat eingereicht, kannten also die meisten Projekte Ihrer Kollegen, die, wenn sie sich nicht von vornherein auf den Standpunkt einer rein formalen Präsenz zurückgezogen haben, ambivalent auf die Geschichte des Ortes und den damit verbundenen Auftrag reagierten.

H.H.: Ich war einer der letzten Künstler, die eingeladen wurden. Das war im Mai 1998. Im Frühjahr 1999 war ich mit meinem Entwurf und der Aushandlung eines Vertrages mit der zuständigen Bundesbaugesellschaft so weit, dass ich dem Kunstbeirat einen Entwurf präsentieren konnte. Dazu ist es schliesslich erst im September gekommen. In einer zweiten Sitzung hat der Kunstbeirat dann am 2. November seiner Realisierung zugestimmt (eine Entscheidung, die er am 25. Januar 2000 bekräftigte). Zur Zeit als sich meine Überlegungen präzisierten, kannte ich die meisten Arbeiten meiner Kollegen nur vom Hörensagen. Ich nehme auf den viel weiter gespannten gesellschaftlichen Kontext der deutschen Geschichte und - ortsspezifisch - der Rolle des Parlaments in der Gegenwart und Zukunft Bezug. Das war von den eingeladenen Künstlers ausdrücklich erwünscht. Unsere Arbeiten erfüllen an diesem Ort, wie Sie richtig sagen, eine Repräsentationsrolle. Eben deshalb ist über sie, besonders im Falle meines Projektes, so erbittert gestritten worden. In der entscheidenden Sitzung des Kunstbeirates vom 2. November hatte sich Herr Kauder empört, mein Projekt sei ein unzulässiger "Paradigmenwechsel," ein Terminus, der wenige Tage später wutschnaubende von dem CDU-nahen Journalisten Karl Feldmeyer in der FAZ aufgegriffen wurde. Die rechte Wochenzeitung Junge Freiheit pustete aufgebracht in dasselbe Horn. Herr Kauder sorgte ausserdem in seiner Nachbarstadt Freiburg für die Erstellung eines kritischen "Verfassungsgutachtens." Die Anrufung des Grundgesetzes demonstriert zwar nicht, dass die verfassungsmässig vorgeschriebene Funktion des Parlaments bedroht war, wohl aber dass das parlamentarische Selbstverständnis einiger Bundestagsabgeordneter zur Debatte stand. Im Kontrast zum Abgeordneten Weisskirchen konnte man auf der Website von Herrn Kauder bis vor kurzem eine durch die inzwischen erfolgte Gesetzgebung überholte Polemik gegen die Novellierung des Staatsbürgerschaftsrechtes anklicken.

Ein wesentliches Thema der Debatte war das Verhältnis des Bundestages zur "Freiheit der Kunst." Im Grundgesetz ist sie garantiert. Es kann demnach in der Bundesrepublik und damit natürlich auch am Parlamentssitz keine verfassungswidrigen Kunstwerke geben. Im vorliegenden Falle hatte der Bundestag als Auftraggeber - absolut legitim - das Recht, einen künstlerischen Entwurf für das Reichstagsgebäude anzunehmen oder seine Realisierung abzulehnen. Gebrannt durch üble Erfahrungen mit dem "gesunden Volksempfinden" und der Geschichte der DDR, an die Wolfgang Thierse in seiner Rede warnend erinnerte, hatte sich der Ältestenrat des Bundestags schon vor Jahren den Kunstbeirat geschaffen, ein zwölfköpfiges, im Parteienproporz besetztes Gremium kunstineressierter Abgeordnete, die, beraten durch namhafte Kunstexperten , den Bundestag quasi vor sich selber, das heisst vor potentiellen populistischen Strömungen in den eigenen Reihen schützen sollte. Da die Herbeiführung von Erde aus den Wahlkreisen freiwillig ist (wie hätte ich die Abgeordneten denn zwingen können, wenn ich das gewollt hätte?), gab es keine Notwendigkeit, über diesen Aspekt meines Entwurfes abzustimmen. Wenn das Votum negativ ausgegangen wäre, dann wäre der Kunstbeirat desavouiert und sein Überleben als sachverständiger Puffer in Frage gestellt worden. Ein solcher Ausgang hätte möglicherweise auch als Signal verstanden werden können, es sei für eine demokratische Gesellschaft normal und diene dem Wohl der Kunst, wenn über Ausstellungen, Aufträge und Ankäufe von Kunstwerken allgemein in Vollversammlungen abgestimmt würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Procedere zu leicht verdaulicher Ware führen würde, ist allen, die sich im Milieu ein bisschen auskennen, bewusst. Aus Furcht vor einer solchen Entwicklung erinnerte der SPD-Abgeordnete Weisskirchen daran: "Vor allen Wahlen und Abstimmungen beruht Demokratie… darauf, anzuerkennen, dass es nicht Abstimmbares gibt. Bislang galt bei uns die Überzeugung und der Konsens, dass über Kunst nicht abgestimmt werden kann." Er schloss damit an die Rede "Demokratie als Bauherr" an, die der ehemalige, allseits respektierte SPD-Bundestagsabgeordnete Adolf Arndt 1961 zum Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Demokratie gehalten hatte. Die Diskussion über dieses Spannungsverhältnis ist vertrackt, weil einerseits natürlich die Notwendigkeit besteht, auch im Künstlerischen Entscheidungen zu fällen, andererseits aber klar ist, dass Fachgremien sich nicht allein durch ein utopisches, "interesseloses Wohlgefallen" leiten lassen. Kunstsachverständige und Künstler sind durch ihren persönlichen und institutionellen Habitus – manchmal auch durch "Sachzwänge" - geprägt, d.h. sie sind auch nur Menschen. Man sollte jedoch als warnende Beispiele aus der Gegenwart die im U.S. Congress gegenüber dem National Endowment for the Arts und von dem für einen Senatssitz kandidierenden New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani wahlstrategisch motivierte Repression nicht aus dem Auge verlieren. Dass künstlerische Ermesssensfragen bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen zum Wahlkampfthema werden könnten, haben unter anderem bei der Terminierung der Bundestagsdebatte zu meinem Projekt ein Rolle gespielt. Der Abgeordnete Norbert Lammert, CDU-Sprecher für Kunst und Medien und Koordinator des Gruppenantrages zu seiner Ablehnung stammt aus Bochum. Sein Landesvorsitzender Jürgen Rüttgers hatte sich mit dem Reim "Kinder statt Inder" gerade als Kandidat für den Posten des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen einen Namen gemacht. Wir fahren mit Sachverständigen, solange sie nicht als politische Handlanger fungieren, wahrscheinlich grosso modo besser als mit dem "gesunden Volksempfinden."

Ich zögere, das Abstimmungsergebnis als Zeichen von Toleranz zu verstehen. Wenn ich das täte, würde ich alle, die mein Projekt nicht unterstützt haben, über einen Kamm scheren und implizit für intolerant erklären. Das wäre falsch. Die Gemengelage war zu komplex. Allerdings gab es von der Opposition Äusserungen, deren Wortwahl und Stossrichtung gegenüber zeitgenössischer Kunst ein erschreckendes Mass an Intoleranz demonstrierten. Es zeigte sich auch, dass eine beträchtliche Zahl der Abgeordneten anscheinend Schwierigkeiten haben, sich mit dem Artikel 3 des Grundgesetzes anzufreunden. Die Knappheit des Votums lässt nicht zu, es gegenwärtig als "Aushängeschild" für eine fraktionsübergreifende Toleranz des Bundestags zu benutzen. Aber das könnte sich ändern.

A.W.: Ihre Arbeit für das Reichstagsgebäude lässt sich als ein Porträt des parlamentarischen Systems, seiner relativen Abgeschlossenheit und seiner Veränderungsprozesse lesen, versinnbildlicht in dem Zusammentreffen der verschiedenen Erdzentner und dem wildwachsenden und nicht gärtnerisch manipulierten Wuchern der pflanzen, ergänzt zudem durch die tafeln mit den Namen der Abgeordneten, ihrer Parteizugehörigkeit, den Wahlkreisen oder Bundesländern, die sie vertreten, und durch eine Website, die regelmässig aufgezeichnete Aufnahmen einer Videokamera der Öffentlichkeit zugänglich macht. Dieser Ansatz knüpft in gewisser weise an Ihre frühen systemischen Arbeiten an, die ein komplexes Wechselspiel zwischen relativer Abgeschlossenheit und Ausseneinflüssen darstellten, und überträgt den Gedanken der Entropie auf die letztlich nicht vollständig kalkulierbaren Prozesse und Vorgänge parlamentarischer Arbeit.

Wiederholt wurde gegen den Vorwurf der "Blut-und-Boden"-Metaphorik eingewendet, dass der Wildwuchs der Pflanzen und seine Nichtplanbarkeit der Ideologie des Nationalsozialismus widerspreche. Sie selbst haben in einer Replik auf einen Artikel von Martin Warnke, in dem er sein Unbehagen gegenüber der Erdausschüttung artikulierte, betont, dass man dem Nationalsozialismus nicht einen zweiten Sieg feiern lassen dürfe, indem man ihm die Bedeutungshoheit über das Material Erde überliesse. Künstlerische Arbeit wird also als eine Wiederaneignung, Bedeutungsverschiebung und Neubesetzung dieses Materials begriffen, als Strategie, die sich gezielt an die Grenzen klischierter, stereotyper Vorstellungen, wie hier, Tabus begibt und damit, zumal an diesem speziellen historischen Ort, keineswegs so "unschuldig" sein kann, wie es sich mir zum Teil in Ihren Äusserungen darstellte.

Wenn Sie in dem zumindest in Deutschland zwiespältig konnotierten Erdschüttritual die Möglichkeit einer Umdrehung sehen, wieso gestehen Sie dem Begriff des Volkes nicht ein ähnliches Potential der Bedeutungsverschiebung zu? Zumal der Transfer des Brechtzitats, das im Exil unter dem unmittelbaren Eindruck des Nationalsozialismus entstand, seinerseits ja bereits eine Bedeutungsverschiebung impliziert, wenn man ihn auf die heutige Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft anwendet?

H.H.: In meiner Replik auf Martin Warnke in der Süddeutschen Zeitung habe ich an den Gemeinplatz der Geistes- und Sozialwissenschaften erinnert, dass, wenn man nicht zu falschen Schlüssen kommen will, bei allen Interpretationen der historische Kontext des zu interpretierenden Forschungsgegenstandes zu berücksichtigen ist. Das Wort "Volk" ist in Deutschland bekanntlich nicht wie in anderen Ländern, die unter ganz anderen Bedingungen und in einem viel längeren Prozess eine nationale Identität entwickelt haben, mit primär republikanischen Konnotationen besetzt. Der Volksbegriff ist bei uns schillernd, sowohl sehr positiv wie äusserst negativ aufgeladen. Besonders ist das in der Kombination mit dem Adjektiv "deutsch" der Fall. Dazu etwas Ortsspezifisches: die Nationalsozialisten haben 113 Reichstagsabgeordneten ihre Zugehörigkeit zum deutschen Volk aberkannt. 75 der Ausgebürgerten überlebten die Haft nicht, acht verübten Selbstmord. Zwei Söhne der jüdischen Bronzegiesser, der Brüder Siegfried und Albert Loevy, die auf Geheiss des Kaisers zur Stärkung der Kampfmoral im 1. Weltkrieg die Inschrift DEM DEUTSCHEN VOLKE für den Reichstagsgiebel hergestellt hatten, sind im Namen des deutschen Volkes ermordet worden (es ist interessant, dass ausgerechnet diese ortsspezifischen Informationen von den Herausgebern der FAZ aus einem Leserbrief von mir gestrichen worden sind). Die Verheerungen, die mit dem Wortpaar ausserhalb des Reichstagsgebäudes verbunden waren, brauche hier nicht zu rekapitulieren. Dieses verbrecherische Kapitel der deutschen Geschichte gehört zu unserer nationalen Identität genauso wie nach 1945 die Schaffung einer stabilen demokratischen Gesellschaft und die emanzipatorischen Volksaufstände von 1953 und 1989 in der DDR, auf die wir stolz sein können.

Obgleich ich dem Argument nicht folgen kann, habe ich Verständnis für den Einwand, der Revolutionsruf "Wir sind das Volk" von 1989, erlaube uns, nun wie andere Länder unbefangen mit dem Volksbegriff umzugehen. Erinnern wir uns aber an die historische Situation! Der Nachdruck lag 1989 auf dem Wort "wir." Die Bevölkerung (!) der DDR erinnerte ihre Oberen daran, dass deren penetrante Identifikation mit dem Volk jeder Legitimation entbehrte. Sie schleuderten dem verhassten Regime sozusagen die ideologische Handgranate zurück, die ihnen eigentlich gegolten hatte. An deutsches "Volkstum" dachten sie nicht. Sie handelten vielmehr in der Tradition der Französischen Revolution, von der auf unserem Kontinent alle demokratischen Bewegungen inspiriert worden sind. Mit der Parole Liberté, Égalité, Fraternité hatten die Franzosen als Erste den republikanischen Volkssouverän. le peuple, inthronisierte. Das Volk in diesem Sinne, das sind wir alle – und zwar ohne Unterschied!

Es wird in der Bundesrepublik aber immer noch unterschieden. Trotz des Artikels 3 des Grundgesetzes ("Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden") in dem die Gleichheit aller Menschen garantiert wird, geistert das ausgrenzend "Völkische" weiter in den Köpfen. Daran hat der Ruf "Wir sind das Volk!" in der DDR nichts geändert. Immer wieder hören wir von Überfällen auf Menschen, die den Vorstellungen der Schläger vom rechten "Deutschtum" nicht entsprechen. Anschläge auf Synagogen und Häuser, in denen Ausländer wohnen. nehmen kein Ende. Rechtsradikale berufen sich bei ihren Gewalttaten auf ein blutsmässig definiertes deutsches Volk. Die Inschrift auf dem Reichstagsgebäude sperrt sich gegen eine solche, deutschnational exklusive Interpretation nicht. Zu meinem Projekt erhielten die Bundestagsabgeordneten haufenweise Briefe, aus denen sie unmissverständlich dumpfe Ressentiments vernahmen. Frau Süssmuth warnte in ihrer Rede: "Diese Minderheit hebt kräftig an und wirft den noch Mächtigen vor, sie seien für die Milliardenbeiträge an Sozialhilfe, die für Ausländer und Asylsuchende, die hier nicht hingehören, zahlen müssen, verantwortlich. Ich muss nicht Namen nennen, weil es Grundtenor nicht nur einzelner Briefe, sondern Hunderter Briefe ist. Weiter wird gefragt, ob diejenigen, die zugestimmt hätten [zu meinem Projekt für das Reichstagsgebäude] nicht sowieso geisteskrank oder von allen guten Geistern verlassen seien. Es wird gefragt: Sollen die Gelben, die Schwarzen, die Türken und die Zigeuner auch dazu gehören? Das wäre der Verrat am Vaterland." - Frau Süssmuth schlug deshalb vor: "Es wäre gut, wenn all die Briefe, die viele von uns bekommen haben, bei einer Ablehnung des Projekts als Dokumentation an den leeren Platz des nördlichen Lichthofes gelegt würden."

Zu unserer Gegenwart gehört aber auch, dass die Wirtschaft schon seit Jahren nicht mehr in "national"-ökonomischen Kategorien operiert, dass die europäische Integration auf allen Ebenen zunimmt – auch im persönlichen Leben - und dass wir zunehmend global denken wollen oder müssen. Es ist rührend zu beobachten, wie Bundestagsabgeordnete sich angesichts dieser Entwicklung in einer Festung Deutschland verschanzen wollen . Der FDP-Abgeordnete Heinrich erinnerte seine Kollegen, dass in der Bundesrepublik heute etwa 10 Millionen Menschen ohne deutschen Pass leben. Das ist der Kontext, in dem die Inschrift über dem Westportal des Reichstages und meine Widmung DER BEVÖLKERUNG als sich ergänzendes Paar zu verstehen sind.

Interview

Und noch einmal zur "Mutter Erde." Für den Gott des Alten Testamentes stand die von ihm geschaffene Erde für die "irdische" Welt schlechthin. Heute dominiert die Fruchtbarkeit des Bodens das Warentermingeschäft. Dass die Nationalsozialisten das altbewährte Material während ihrer zwölfjährigen Herrschaft - wie so vieles – in ihre ideologischen Dienste gepresst haben, verwundert nicht. Geblieben ist davon praktisch nichts. Bedenkenlos lassen sich Würdenträger heute beim ersten Spatenstich für den Beginn grösserer Bauvorhaben fotografieren, obwohl Hitler und Konsorten mit demselben Ritual ihre Parteibauten initiierten. Grüne Ökologen stehen ebenso wenig im Verdacht brauner Kontamination wie die Bauernverbände und die so beliebten Gartenschauen. Im Gegensatz zu theoretischen Auseinandersetzungen und den daraus resultierenden Schaukämpfen zu meinem Projekt im Bundestag, ist der praktische Umgang mit Erde im Nachkriegsdeutschland unverkrampft. Niemand meint, die Zusammenführung von Erde aus Konzentrationslagern an zentralen Gedenkstätten sei ein nationalsozialistisches Ritual. Dasselbe galt 1995 für die zum Tag der Deutschen Einheit aus den Braunkohlenabbaugebieten von Cottbus und Garzweiler in Düsseldorf vereinigte Erde.

Nichts deutet darauf hin, dass die Abgeordneten, die sich Gedanken machen, von welchem Ort in ihrem Wahlkreis sie eine Erdprobe zur Mini-Bundesrepublik im Reichstagsgebäude bringen wollen, einem Blut-und-Boden Wahn verfallen seien. Der Boden der Wahlkreise ist nicht durch das Blut ihrer Bewohner oder das Blut, das da einmal in Schlachten vergossen sein mochte, determiniert. Wie ich mir erzählen liess, denkt die Justizministerin Däubler-Gmelin an Erde aus dem Umkreis von Carlo Schmid, einem der Väter des Grundgesetzes, also im fast buchstäblichen Sinne an "Verfassungserde." In einem Interview sagte der Bundestagspräsident, er wolle aus seinem Kiez am Prenzlauer Berg Erde vom jüdischen Friedhof zum Platz der Republik nach Berlin-Mitte bringen. Der Solinger Abgeordnete Hans-Werner Bertl möchte, dass in seinem Sack unter anderem Erde von dem Haus der Familie Genc dabei ist, das von Neonazis wegen seiner türkischen Bewohner abgebrannt worden war. Eifelbauern haben Elke Leonhard bereits aus verschiedenen Tälern Vulkanerde nach Berlin auf den Weg gegeben. Wie der Trierische Volksfreund(!) berichtet, wurde die Erde vorher von Umweltschützern und einem Pastor gesegnet. Viele Abgeordnete wollen die Bevölkerung ihres Wahlkreises an der Auswahl der Orte beteiligen, durch die sie in Berlin vertreten sein möchten. Es würde also im doppelten Sinne eine partizipatorische Aktion. Ich bin gespannt, ob Norbert Lammert sein Wort hält. Er hatte bei einer Podiumsdiskussion in der Akademie der Künste angekündigt, wenn der Bundestag zugunsten meines Projektes stimmen würde, wäre er unter den ersten, die Erde zum Reichstagsgebäude brächten. Eines ist aber wohl sicher, der CSU-Geschäftsführer Peter Ramsauer wird, wie er vorsichtshalber schon im vergangenen Jahr angekündigt hat, eher Erde auf den Watzmann schleppen als nach Berlin. Vielleicht nähme Antje Vollmer eine Einladung des Traunsteiner Abgeordneten an, ihn bei einer solchen Gipfelbesteigung zu begleiten. Vor "Biokitsch" bräuchte sich die Grüne Theologin in der dünnen Höhenluft nicht zu fürchten.

A.W.: In einem Interview mit Jeanne Siegel äusserten Sie 1971, dass Informationen, zur richtigen Zeit und am richtigen Ort eingesetzt, sehr viel Macht erhalten und die gesellschaftliche Struktur beeinflussen könnten. Kunst wird mithin als Motor der gesellschaftlichen Veränderung, als positiver Verstärker oder Resonanzkörper projiziert, wobei Sie bei der Wahl der Mittel häufig auf starke Symbole und Reizbegriffe setzen. Auch Ihr aktuelles Projekt im Berliner Reichstagsgebäude – ebenso wie Ihr Beitrag zur "Whitney Biennial" in New York – scheinen von der Überzeugung getragen zu sein, durch künstlerische Interventionen Kritik an gesellschaftspolitischen Entwicklungen artikulieren zu können. Insbesondere Ihre New Yorker Arbeit, die durch Ihr Statement im Katalog eine strukturelle Analogie zwischen der kulturpolitischen Haltung des New Yorker Bürgermeisters Rudolph Giuliani und der des Nationalsozialismus nahe legt, löste einen politischen Skandal aus. Vorgeworfen wurde Ihnen die Banalisierung des Holocaust. Auch wenn man diesen Vorwurf als unzulässsige Diffamierung Ihrer Person und Ihrer Arbeit ablehnen muss, stellt sich die Frage, inwieweit der Verweis auf die Kulturpolitik des Nationalsozialismus im Katalogtext nicht die Engführung der Rezeption Ihrer Whitney-Arbeit und die daran anschliessenden Polemiken möglicherweise mitprovozierte. Anders formuliert interessiert mich, wie Sie selbst das Zusammenspiel zwischen der Wahl der formalen Mittel, der von Ihnen in Begleittexten angebotenen Leseweisen und der anschliessenden Rezeption einschätzen, und wie Sie die jeweilige Wirkung Ihrer Arbeiten an den spezifischen Orten des Whitney Museums und des Reichstagsgebäudes beurteilen.

H.H.: Ich hatte meinen Text für den Whitney-Katalog geschrieben, bevor ich eine Idee für eine Arbeit entwickelt hatte. Mitte Oktober war der Redaktionsschluss. Ich entschied mich, auf zwei Ereignisse Bezug zu nehmen, die zum Kontext gehörten, in dem meine Arbeit stehen würde. Das eine war die ungewöhnlich krasse Präsenz von Intel Markenartikeln in der im Oktober laufenden Whitney Ausstellung "The American Century" (die Ausstellung war von Intel gesponsert). Das andere war der unglaubliche Angriff des New Yorker Bürgermeisters Rudolph Giuliani auf das Brooklyn Museum. Am 1. Oktober war im Brooklyn Museum die "Sensation" Ausstellung eröffnet worden, die vorher, ohne Aufsehen zu erregen, im Hamburger Bahnhof gelaufen war. Weil das Brooklyn Museum dem Verlangen des Bürgermeisters nicht nachgekommen war, ein Bild von Chris Ofili abzuhängen, hatte Giuliani den monatlichen Scheck der Stadt für das Museum von rund 500.000 Dollar storniert. Er hatte weiterhin angekündigt, er werde die Trustees des Museums ihres Amtes entheben und durch ein Board seiner Wahl ersetzten, und er werde dem Museum sein der Stadt New York gehörendes Gebäude wegnehmen. Giuliani behauptete, das Bild, das er selber nie persönlich gesehen hatte, sei "sick." Es beleidige Katholiken. Deshalb sei er als Bürgermeister verpflichtet, dem Museum jede Unterstützung durch die öffentliche Hand zu entziehen.

Zum Verständnis der politischen Landschaft gehört, dass Giuliani sich um den vakanten Senatssitz des Staates New York bewirbt. Das strategische Ziel seiner Kampagne war, katholische Wählerstimmen zu gewinnen (Giulianis Rivalin ist Hillary Clinton). Dem Vorbild von Jesse Helms und anderen erzkonservativen amerikanischen Politikern folgend, die sowohl der zeitgenössischen Kunst wie einer offenen Gesellschaft den Kampf angesagt haben, argumentierte der Bürgermeister, Steuerzahler dürften nicht gezwungen werden, eine Kunst zu fördern, die sie ablehnen. In einem 1990 verabschiedeten Gesetz wird gleichsam das "gesunde Volksempfinden" als Kriterium (…"sensitive to the general standards of decency and respect for the diverse beliefs of the American public") für die Vergabe von Fördergeldern durch das National Endowment for the Arts (NEA)eingeführt. Das von Giuliani und seinen Kampfgefährten benutzte denunziatorische Vokabular ähnelt verblüffend dem der nationalsozialistischen Kunstsäuberer. 1991 hatte Stephanie Barron, die Kuratorin des Los Angeles County Museums im Katalog zu ihrer Ausstellung über die "Entartete Kunst"-Ausstellung deshalb auf "Parallelen" zwischen den Angriffen auf das NEA und der Hetze hingewiesen, die in Deutschland 1937 zu der Münchner Schandausstellung geführt hatten.

In meinem Katalogtext für die Biennale folgte ich ihrem Beispiel: "…dem Bürgermeister zufolge gelten das First Amendment [Garantie der freien Meinungsäusserung] und die in der amerikanischen Verfassung verankerte Trennung von Staat und Kirche nicht für öffentliche Institutionen und Institutionen, die öffentliche Gelder erhalten. Er scheint die Meinung der Nazis zu teilen, die 1937 in München eine Ausstellung mit dem Titel "Entartete Kunst" organisiert hatten. An jedem der aus den deutschen Museen entfernten Werke war ein Schild angebracht "Bezahlt von den Steuergroschen des arbeitenden deutschen Volkes." Was auch immer man von Charles Saatchi und seiner Sammlung in der "Sensation" Ausstellung im Brooklyn Museum halten mag – ich gehöre nicht zu den Bewunderern - für die USA war es ein wichtig, dass am 1. November ein Bundesgericht der Klage des Brooklyn Museums gegen Giuliani entsprach und ihn in scharfen Worten des Verfassungsbruches für schuldig befand. Die populistisch äusserst wirksam verbrämte Missachtung des First Amendment wurde schliesslich das Thema meiner Arbeit für die Whitney Biennnial.

Dass meine Reklamation der in der amerikanischen Verfassung garantierten Freiheit der Kunst als skandalös empfunden wurde, spricht Bände. Ebenso bemerkenswert war, dass das Museum sich gezwungen sah, sich wegen der Ausstellung meiner Arbeit zu verteidigen und der Direktor meinte, er müsse sich vorsichtig von ihr distanzieren. Dass die Giuliani-Wahlkampfstrategen von meiner Installation nicht erbaut sein würden, war mir natürlich klar. Ich wäre allerdings nie darauf gekommen, dass sie auf die raffinierte Idee kommen könnten, als Ablenkungsmanöver auszustreuen, ich trivialisiere den Holocaust. Damit war es ihnen gelungen, vom problematischen Verhältnis ihres Kandidaten zur Verfassung abzulenken, und stattdessen mich zum Thema zu machen und moralisch an den Pranger zu stellen. Ausserdem rechneten sie wohl, mit dieser Beschuldigung bei ungenau informierten jüdischen Wählern auf Stimmenfang gehen zu können. Für eine Weile verfing das. Auch in der deutschen Presse wurde dieses für politisch helle New Yorker recht durchsichtige Wahlkampfmanöver unbefragt weitergetragen. Dadurch wurde es sogar Teil der Debatte über mein Projekt für das Reichstagsgebäude.

Auf dem Katalogumschlag für die Ausstellung "The American Century" des Whitney Museums vom vergangenen Jahr prangt das Jasper Johns Bild "Three Flags" von 1958. Das Bild gehört dem Museum. In meiner Installation "Sanitation" für die Biennale habe das allgemein als amerikanische Ikone gehandelte Bild durch ein Ready-made aus drei in einem Fahnengeschäft erstandene amerikanische Fahnen unterschiedlicher Grösse ersetzt. Die kleinste in der Mitte droht, sich von der nächst Grösseren zu lösen und herabzufallen. Ein goldgerahmtes Faksimile des First Amendment, in der Wachsmalweise, mit der Jasper Johns seine Fahnen auf Zeitungspapier gemalt hatte – bei mir sind es New York Times Artikel zur Brooklyn Museum Kontroverse -, liegt auf dem Boden zwischen zwölf grauen Mülltonnen mit wie Mäuler geöffneten Deckeln. Aus jeder Tonne tönen, wenn man genau hinhört, Marschtritte. Die Marschierdenden scheinen im Begriff zu sein, den in feiner Kanzleikursivschrift ausgeführten Verfassungsartikel auf dem Boden niederzutrampeln. Politikersprüche in denen von der "Verschwendung von Steuergeldern" und von Kunst als "garbage," der in Mülltonnen gehört, die Rede ist, flankieren in weisser Fraktur auf schwarzem Grund rechts und links die aus der Kunst in den Fahnenhandel "zurückgeholten" Stars and Stripes.

Die Besucher der Ausstellung "The American Century:" des vergangenen Jahres (ich war darin mit einer älteren Arbeit über New Yorker Immobilien vertreten) wurden in der Orientierungsgalerie im Erdgeschoss des Museums durch ein Videoband ins Thema der Ausstellung eingestimmt. Es war ein 3-minütiger Verschnitt der politischen und künstlerischen Ereignisse des Jahrhunderts. Am Ende las man weiss auf blauem Grund "MAKE SOME SENSE OF AMERICA. Diese Losung habe ich mir zu Herzen genommen. Entsprechend habe ich es auch in Berlin gehalten.