Petra Pau, Die Linke
Statement
Ja, ich habe mich seinerzeit mit einem Säckchen Erde aus dem Prater, einer Kultur- und Begegnungsstätte in meinem damaligen Wahlkreis Berlin, Mitte-Prenzlauer Berg, beteiligt. Zeitsprung: 2015 erschien mein Buch Gottlose Type. Meine unfrisierten Erinnerungen. Mit ihm bin ich – landauf, landab – zu Lesungen unterwegs. Es enthält 53 Episoden aus 25 Jahren meiner politischen Arbeit. Seither ist schon wieder Zeit vergangen und es gibt neue Geschichten. Eine heißt: „Mahnende Kunst“: Empfange ich im Bundestag Besucher und reicht die Zeit, dann gehen wir durch die Parlamentsgebäude mit Halt bei einigen Kunstwerken. Davon gibt es viele, so viele, dass sie einen Bildband füllen. Vor allem zwei gehören bei mir zum Standardprogramm. Beide sind im Reichstagsgebäude. Und beide waren höchst umstritten, insbesondere durch die CDU/CSU. Das eine ist der Andachtsraum von Günther Uecker. Er bietet Raum und die dazugehörigen Utensilien für alle relevanten Religionen, für Christen, für Juden, für Muslime, auch für Hindus. Unionspolitiker forderten ein dominierendes Kreuz, schließlich sei man hier im christlichen Abendland. Uecker blieb standhaft. Das zweite Kunstwerk ist im Innenhof des Gebäudes. Es ist von Hans Haacke. Er schuf einen Schriftzug „DER BEVÖLKERUNG“, in bewusstem Kontrast zu der Giebelinschrift „DEM DEUTSCHEN VOLKE“. Die Buchstaben werden umgrünt. Wer wollte, konnte aus seinem Wahlkreis ein Säckchen Erde mitbringen. Und was diese barg und aus ihr erwächst, soll gedeihen, unbeschnitten, unbegradigt. Uecker plädiert für einen gleichberechtigten Dialog, interreligiös. Haacke mahnt uns Abgeordnete, für alle Bürgerinnen und Bürger da zu sein, multikulturell, und nicht nur für Deutschgermanen. Lange hatte ich beide Werke vor allem als Erinnerung an die mörderische Zeit des Faschismus interpretiert. Aber spätestens seit diese von einem bekannten AfD-Politiker als ‚Fliegenschiss‘ verharmlost wurde, weiß ich: Ueckers und Haackes Mahnungen sind brandaktuell. (Beitrag Ausstellung n.b.k. 2020)

